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Herzkraft weilt

„Kommst Du?“ – so die Frage, kommst Du? kommst Du mit? kommst Du zu mir? in mein Reich, näher – ganz nah zu mir, weil Du mir vertraust und weil es Dir gut tut bei mir zu sein…

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Wie leicht verstricken wir uns in Gedankenfeldern von bestätigter Selbstzufriedenheit – aber warum? Ist es denn zu wenig, den eigenen Atem zu spüren, dem eigenen Herzschlag zu lauschen? Ist es zu wenig, ganz still zu sein und leise zu atmen… da ist nichts und niemand, kein anderes Geräusch, kein Laut und kein Wehen, kein Wollen.

Ja, es wird immer wieder allzu schrecklich diesem Allein-Sein ins Auge zu schauen, das Wahre in dieser Erkenntnis ist eben erschreckend…aber warum wollen wir das nicht annehmen? Ich bin allein, Du bist allein, jetzt, gestern und auch morgen und Du warst es immer schon und wirst es bleiben. Ja, es gibt Momente von Zweisamkeit, von Gemeinschaft, von Zufriedenheit im Wohlgefühl der Gruppe. Und wie lange hält das an? Wie lange währt das wirklich? …. jetzt wirds schon wieder still, aber anders als beim ersten Mal…eine feine Stille breitet sich aus, ein Stille, die leise spricht: Alles ist gut, wie es ist – denn dieses „allein“ verzweigt uns in ein Großes, Unausprechliches ein „Eingebundensein“. Wo das Ich als eingebunden angenommen wird, entsteht ein neues WIR.

Eingebunden worin? Hier beginnt die Reise…wir werden sehen, wer uns auf dieser Reise begegnen wird. Es werden weite Seelen sein, andere Suchende, vielleicht Wissende, vielleicht wahrhafte Träumerinnen und Träumer? Vielleicht findet sich ein Freund darunter, ein echter, lebendiger Freund, der zuhört oder eine Freundin, die versteht…Doch meistens werden wir uns fremd bleiben, vielleicht weil Gewohnheit unser ständiger Begleiter ist, Ratgeber und Vertrauter…und allzu oft Berater. Was hält und hindert das liebende Herz sich ganz hinzugeben. Wie kommen wir, je älter und reifer ( und auch verdrehter…) wir werden, wie kommen wir dazu, dieser Herzkraft nicht mehr zu vertrauen?

Vielleicht erinnerst auch Du Dich an diese maßlose Zuversicht aus den Kindertagen, daß ein herzkleiner Kinderwunsch in Erfüllung gehen muß! Wünsche kamen viele, manche wurden wahr – was ein Glück. Andere Wünsche verflossen, wurden vergessen, gar vergraben oder verschenkt. Manche aufgehoben und dann wieder ins Leben genommen. Dieser tiefe dunkle Seelen-See, im Bergesinnern klar und tiefblau liegend vermag auch noch den kleinsten Wunsch zu bewahren, um ihn im rechten Moment dem sehnenden Herz wieder einzupflanzen, weil noch was zu tun, zu wollen und zu lieben ist…

Mach Mich Zum Wächter Deiner Weiten

aus: Rilke Projekt IV – „Weltenweiter Wandrer“

venedig-kreisMach mich zum Wächter deiner Weiten,
mach mich zum Horchenden am Stein,
gieb mir die Augen auszubreiten
auf deiner Meere Einsamsein;
laß mich der Flüsse Gang begleiten
aus dem Geschrei zu beiden Seiten
weit in den Klang der Nacht hinein.

Schick mich in deine leeren Länder,
durch die die weiten Winde gehn,
wo große Klöster wie Gewänder
um ungelebte Leben stehn.
Dort will ich mich zu Pilgern halten,
von ihren Stimmen und Gestalten
durch keinen Trug mehr abgetrennt,
und hinter einem blinden Alten
des Weges gehn, den keiner kennt.

(Rainer Maria Rilke – entstanden 1903 in Viareggio, Italien)

Weitere Informationen über Clueso hier:

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Die erste Elegie – Rainer Maria Rilke

samhain-tuerkisWer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der EngelOrdnungen?
und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz:
ich verginge von seinem stärkeren Dasein.

Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.

Ein jeder Engel ist schrecklich.
Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen wir denn zu brauchen?

Engel nicht, Menschen nicht, und die findigen Tiere merken es schon, daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern und das verzogene Treusein einer Gewohnheit, der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.

Oh und die Nacht, die Nacht, wenn der Wind voller Weltraum uns am Angesicht zehrt -, wem bliebe sie nicht, die ersehnte, sanft enttäuschende, welche dem einzelnen Herzen mühsam bevorsteht. Ist sie den Liebenden leichter? Ach, sie verdecken sich nur mit einander ihr Los. Weißt du’s noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht daß die Vögel die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.

(Auszug – Erste Elegie: Rainer Maria Rilke (entstanden im Jahr 1912 in Duino, Italien)

Vertont von Schönherz & Fleer, gesprochen von Ben Becker (Weltenweiter Wandrer – 2010)